Geschichte Finkenkrugs

Geschichte Finkenkrugs

Finkenkrug liegt am Rande des Bredower Forstes, im Westen von Berlin. Urkundlich wurde es erstmals 1710 erwähnt. Jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts begann die Entwicklung Finkenkrugs.
1850 wurde an der Bahnstrecke, die durch den Bredower Forst führte, der Bahnhof Finkenkrug für die Ausflügler aus Berlin eröffnet.
1888 erstand der Kaufmann Bernhard Ehlers das Rittergut Seegefeld.
1891 stellte er einen ersten Bebauungsplan für das Gebiet südlich der Bahnstrecke auf. Es umfasst das heutige Kerngebiet Finkenkrugs.
Am 19. Mai 1893 erteilte der Landrat in Nauen die Genehmigung „zur Anlegung einer Kolonie von 30 Villen in der Nähe der Eisenbahnhaltestelle Finkenkrug.“
1898 verkaufte Bernhard Ehlers das Rittergut Seegefeld mit einer Fläche von 657 h an die Ansiedlungsbank. Für die Besiedelung von Finkenkrug bedeutete das einen großen Aufschwung. Um den Finkenkruger Bahnhof entstand ein kleines Zentrum.
1904 wurde sogar eine Volksschule eröffnet. In dem Gebäude wird noch heute unterrichtet - die Lessingschule feierte 2004 ihr hundertjähriges Jubiläum.
1905 wohnten bereits 163 Einwohner in Finkenkrug, acht Jahre später war die Bevölkerung bereits auf 650 Einwohner angewachsen. Als Villenkolonie geplant, waren nur ein- und zweistöckige Häuser erlaubt. Gewerbe, das „Schmutz oder Lärm hätte erzeugen können, war nicht zugelassen.“ Der Baustil war nicht einheitlich. Sowohl in wilhelminischem, in monumentalem als auch in ländlichem Stil wurde gebaut. Die Bauherren gehörten meistens dem Bürgertum an.
Mit Beginn des ersten Weltkrieges endete die erste Phase der Besiedelung. Die Zeit des Umbruchs nach 1918 war auch in Finkenkrug zu spüren. Nicht desto trotz gab es einen ständigen Zuzug.
Mit der steigenden Einwohnerzahl wuchs auch der Wunsch nach Eigenständigkeit. So kämpften die Bewohner Finkenkrugs für eine eigenständige Kirchengemeinde.
Am 31. Oktober 1926 feierten die Finkenkruger die Einweihung ihrer evangelischen Kirche, die seitdem ohne Unterbrechung genutzt wird.
1927 wurde Finkenkrug der Landgemeinde Falkensee angeschlossen. Die Auflösung der preußischen Gutsbezirke, ein Überbleibsel aus der wilhelminischen Zeit, ging dem Anschluss voraus.
Die Wirtschaftskrise Ende der 20 er / Anfang der 30er Jahre veränderte die Siedlungsstruktur in Finkenkrug. Für Arbeitslose aus der Stadt gab es Siedlungsprogramme auf dem Land.
1932 wurde die Baugenossenschaft Burgfrieden gegründet und am Rande Finkenkrugs entstand die erste Arbeitersiedlung. Seit 2006 existiert für diese Häuser eine Gestaltungssatzung, um ihren einheitlichen Charakter zu erhalten.
Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ auch in Finkenkrug ihre Spuren. Zwei Beispiele seien genannt:
Seit 1923 lebte der Justizrat Ludwig Chodziesner mit seiner Familie in Finkenkrug. Seine Tochter, Gertrud Kolmar war eine bekannte deutsche Dichterin. Die Familie war jüdischen Glaubens. Schon in der Kristallnacht am 9. November 1938 wurden die Fenster ihrer Wohnhäuser eingeworfen. Im Januar 1939 wurden sie aus ihren Häusern vertrieben und zogen nach Schöneberg. Gertrud Kolmar musste als Zwangsarbeiterin in einem Rüstungsbetrieb arbeiten, 1943 starb sie in Auschwitz. Ihr Vater wurde 1942 mit 81 Jahren nach Theresienstadt verschleppt.
Die Kirchengemeinde Neufinkenkrug bekam den Druck der Nationalsozialisten schon 1933 zu spüren. Aufgrund einer Rede anlässlich einer Lutherfeier wurde Pfarrer Voigt vom Dienst suspendiert. Es war der Beginn eines zermürbenden Kampfes zwischen den Nationalsozialisten, der deutschnationalen Kirche und der Kirchengemeinde Neufinkenkrug. Der Höhepunkt der Auseinandersetzung war die 24stündige Verhaftung Pfarrer Voigts 1937. Nach seiner Entlassung durfte er wieder seinen Dienst aufnehmen und bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1961 war er Pfarrer der Kirchengemeinde Neufinkenkrug. Seit 2006 ist das Straßenrondell um die Finkenkruger Kirche nach ihm benannt (Pfarrer-Voigt-Platz).
1945, in den letzten Monaten des Krieges und in der Zeit danach lag die Herausforderung für Falkensee und Finkenkrug in der Integration von Flüchtlingen aus der zerstörten Stadt Berlin und aus dem Osten.
Die Teilung Deutschland zeichnete sich ab. Falkensee fiel in den sowjetischen Sektor.
In den 50er Jahren gab es noch eine Verbindung nach Berlin. Ab 1951 fuhr zwischen Spandau und Falkensee sogar eine S-Bahn. Das Pendeln zwischen Ost und West war noch möglich. Viele nutzten diese Möglichkeit, um aus dem Osten zu fliehen, ca. jeder sechste Einwohner aus Finkenkrug hatte in den 50er Jahren Finkenkrug gen Westen verlassen.
Der Bau der Mauer am 13. August 1961 jedoch schnitt Falkensee endgültig von Berlin ab.
Von einem Tag auf den anderen verloren viele Falkenseer ihren Arbeitsplatz in Berlin.
Nun galt es unter den gegebenen Rahmenbedingungen den Aufbau voranzutreiben, jedoch wurde alles gemäß der Planwirtschaft zentral geregelt. Die verlassenen Wohnungen Finkenkrugs wurden unter anderem den Arbeitern aus dem Henningsdorfer Stahlwerk zugeteilt.
Bei einer Auswertung der jährlichen Eingaben und Beschwerden aus den 70er Jahren zeigte sich, dass die Bewohner Falkensees vor allem den schlechten Zustand der Straßen und der unzureichenden Instandhaltung der Häuser beklagten (2/3 der Eingaben und Beschwerden bezogen sich auf diese Themen). Für Finkenkrug waren auch die unbebauten Grundstücke, deren Besitzer im Westen lebten, typisch. Um eine vollkommene Verwilderung zu verhindern, entschied man sich, diese zu verpachten. Viele Datschen entstanden, die zum Teil auch als Dauerbehausung benutzt wurden. Einfache Familienhäuser des Typs GU 2 und HB 4 wurden entwickelt und durch staatliche Kredite gefördert, um der Wohnungsnot für Familien entgegen zu wirken.
In den 80er Jahren kam Finkenkrug zur Ruhe. In der Karl-Marx-Straße zwischen Bahnhof und Roseneck entstand ein Zentrum mit 20 Geschäften, in denen man sowohl die Dinge für das tägliche Leben kaufen konnte als auch die begehrten aber teuren Westwaren. Trotz des sozialistischen Systems entwickelte sich ein bürgerliches Leben. Alte Finkenkruger, die den Wirren der Zeiten getrotzt hatten, wie zum Beispiel der Maler Franz Haferland oder der Geigenbauer Curt Jung waren sehr prägend für den Ort Finkenkrug.
9. November 1989, der Fall der Mauer, 3. Oktober 1990, die Deutsche Einheit
Mit der Wende veränderte sich das Leben in Finkenkrug. Falkensee / Finkenkrug wurde wieder ein Vorort von Berlin. Die Freude über die zurück gewonnene Freiheit war sehr groß, die Unruhe der nächsten Jahre auch. Sehr offensichtlicht war der Wandel in der Bebauung zu sehen.
Mit der Einheit erhielten plötzlich die schon verloren geglaubten Grundstücke den zwanzig- bis dreizigfachen Wert des Einheitswertes von 1936. Zahlreiche Grundstücke wechselten in Finkenkrug die Besitzer, zur Freude der alten Eigentümer oder Erben, zum Leid derer, die vielleicht auch schon seit mehreren Jahrzehnten dort gewohnt haben. Mit der fortschreitenden Aufklärung der Eigentumsfragen nahm die Bautätigkeit in Finkenkrug stark zu. Vor allem junge Familien mit Kindern sind nach Finkenkrug gezogen.
Bis 2000 sind ca. 200 Einfamilien, Doppel- oder Reihenhäuser und 40 große Einfamilienhäuser gebaut worden. Ein Grossteil der noch bestehenden alten Häuser wurde saniert.
Seit 2005 bemüht sich der Bürgerverein um eine Gestaltungssatzung, die zum einen den Charakter der ursprünglichen Villenkolonie schützt und zum anderen eine neue Bebauung im Sinne Finkenkrugs ermöglicht.
Aber auch in anderen Bereichen hat sich ein Wandel vollzogen, der zum Teil noch nicht abgeschlossen ist. So existieren nur noch wenige Einzelhändler und das Zentrum Finkenkrug sucht nach neuem Leben.

Quellen:
Finkenkrug in seinem Jahrhundert, Richard Wagner, 2001, Falkensee
80jährige Geschichte der Kirchengemeinde Neufinkenkrug- Rückblick und Ausblick, H.-U. Rhinow, www.h-rhi.de